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In einer Schreibschule soll der zukünftige Schriftsteller in einem Essay darüber nachdenken, was für ihn das Schreiben wichtig macht und was er dabei empfindet.

Warum schreibe ich und was bedeutet das für mich?

Da bekommt man ein Thema gestellt, das zu einer ganz persönlichen Antwort herausfordert. Das sieht nach autobiografischem Schreiben aus. Doch ich meine, das sollen nur die Menschen tun, die ihr Leben und ihre Meinung wirklich für so wichtig halten, dass sie es anderen mitteilen müssen. Andererseits gibt es ja voyeuristische Menschen, die kein eigenes interessantes Leben führen. Für sie ist das dann willkommenes Lesefutter.

Ich neige eher zur Verallgemeinerung, um in dem Leser die Meinung zu erwecken, das habe er eigentlich schon immer gedacht, oder die ihn zu heftigem Protest herausfordert.

Eine Verallgemeinern meiner Empfindungen beim Schreiben wäre unfair der Themenstellung gegenüber. Also springe ich über meinen Schatten und bekenne meiner geschätzten Leserschaft, was mich dabei bewegt. Wer es dann liest, ist selber schuld. Er kann ja später über "Was macht das Lesen mit mir" schreiben.

Warum setze ich mich hin und schreibe? Weil ich mit jemandem reden will und es nicht die richtige Zeit ist, anzurufen. Weil ich eigentlich kein Echo haben möchte, sondern allein mit meinen Gedanken sein möchte, ganz ehrlich zu mir selbst, ohne jede Maske?

Was macht denn das Schreiben mit mir? Das kommt ganz darauf an, ob ich mit einem Füllfederhalter über einem Blatt oder an der Tastatur vor dem Computer sitze.

Ich schreibe lieber auf dem Papier als am PC, weil die Gedanken dann nicht durch mangelhaft beherrschte Technik gestört werden, sondern frei fließen können. Dementsprechend können die beim Schreiben entstehenden Gefühle sehr unterschiedlich sein.

Vor dem PC, bei einem offiziellen Text, macht das Schreiben zwar auch Spaß, weil die kleinen grauen Zellen vom zu schreibenden Text und dem Tippen gefordert werden. Das Zusammentragen der Fakten gibt mir ein schönes Gefühl der Zufriedenheit. Wenn das Manuskript fertig ist, bin ich auch ein bisschen stolz auf mich. Kurz, ich fühle mich aufgewertet.

Bei dem Schreiben auf dem Papier, wie zum Beispiel bei einem Tagebucheintrag, entstehen ganz andere Gefühle. Da niemand zuhört und es möglichst niemand, außer mir selbst, lesen soll, es sei denn 'siehe vorne', schreibe ich ohne jede Hemmung meine guten und schlechten Erlebnisse und Gedanken nieder. Ein entspanntes Treiben lassen, genüssliche Erinnerungen, schlechte Gedanken und Ähnliches lasse ich lieber weg, das zieht nur runter und bereitet schlaflose Nächte.

Beim Geschichten- oder Roman-Schreiben ist es wiederum etwas anderes. Da spielt nicht nur die Freude am Schreiben und Fabulieren eine Rolle. Das bewusste Recherchieren bereichert mein Wissen. Eine Fülle von Emotionen kommt dabei zusammen. Bei dem Beschreiben des Handlungsortes kann ich in farbigen Urlaubserinnerungen schwelgen. Wenn ich eine Figur auf der Bühne verkörpere, ist meine Stimme und mein Körper das Medium, mit dem ich mich ausdrücke. Beim Schreiben muss ich dem Leser, das was er sonst durch meine Körpersprache vermittelt bekommt, mit Worten ausdrücken. Ich schlüpfe also stärker in die Rolle des Protagonisten, Antagonisten oder irgendeiner skurrilen Nebenfigur. Und das löst eine ganze Menge weiterer Empfindungen aus. Allerdings ist auch Schmerzliches dabei, denn nur eitel Freude, Glück und Sonnenschein wird schnell zu zuckersüß. Und das schadet den Zähnen.

Auch der Ort, an dem ich schreibe, beeinflusst meine Gefühle. Und mit den Gefühlen bin ich bei den Sinnen, bei allen fünf oder mehr. Man geht ja heute davon aus, dass wir mehr als fünf Sinne haben. Ich habe jeweils eine andere Wahrnehmung, wenn ich alleine zu Hause am Schreibtisch, in einem Café, im Zug, oder im Freien sitze.

Am Schreibtisch fühle ich mich im schönen Ambiente der Wohnung wohl und geborgen. Die Zeit spielt keine Rolle. Statt zwei Stunden kann es auch mal ein halber Tag werden, wenn es mir gefällt.

In einem Café umschmeichelt der wunderbare Kaffeeduft meine Nase. Die Neugier lässt mich zwar immer wieder von meinem Heft, in das ich schreibe, hoch schauen, um die Gäste heimlich zu beobachten. Ich fühle mich dadurch aber nicht wesentlich in meinem Arbeitsprozess gestört. Es ist viel interessanter und bereichernder für mich, die Menschen, die meistens in jedes übliche Klischee passen würden, zu beobachten und mir dabei vorzustellen, was sie dazu bewegt hat, alleine ins Café zu gehen, oder ob die fünf älteren Damen sich wirklich etwas zu sagen haben oder nur die Zeit totschlagen wollen . Richtig spannend wird es, wenn ich echte Typen entdecke. Auch die scheinen Cafés genau so zu lieben, wie meine Kollegen und ich. Ein idealer Ort zum Schreiben. Inspiration wird mit der Tasse Kaffee geliefert.

Im Zug ist das heutzutage lautlose Vorübergleiten der Landschaft schon beeindruckend und ich meine zu schweben. Bilde ich es mir nur ein, oder fließen die Ideen schneller auf das Papier? Ich bin beschwingt und glaube,etwas geleistet zu haben.

Im Freien bieten mir die leisen Laute der Natur eine ganz andere Kulisse zum Schreiben. Ich werde ruhiger, sogar der Stift wird langsamer und ich muss aufpassen, dass ich nicht aufhöre und nur noch träumend den am Himmel ziehenden Wolken nachschaue. " Nix gutt für Arbeit, nur für Sääle."

Was geschieht also mit mir, wenn ich anfange zu schreiben? Ich schreibe munter drauf los und bin dann selber erstaunt, was ich da auf einmal auf dem Papier stehen habe. Meistens ist es nicht das, was ich im Augenblick vor mir sehe, sondern etwas, was ich recherchiert, erlebt, gelernt, gelesen, gesehen, gefühlt, gerochen, gehört oder geschmeckt habe. Woher nehme ich das? Aus der Erinnerung, Fantasie, vergessenen Träumen?

Irgendwann, irgendwo muss ich das oder Ähnliches wahrgenommen haben. Wahrscheinlich hat dieser Prozess Eindrücke zu sammeln, die mir die ganze Zeit gar nicht bewusst sind, schon bei der Geburt begonnen und nicht erst in der Schule beim Lernen. Jetzt beim Schreiben komme ich vom Hundertsten zum Tausendsten. Ich erinnere mich an Vieles, was ich glaubte, es sei mir entfallen. Und schon steht es auf dem Papier.

Es ist ein wunderbares Gefühl, wenn ich aus der ungeordneten Masse meiner Eindrücke einen Text formulieren kann. Steffen Aug hat in einem Buch unter dem Titel "Im Chaos schwimmt der aufgeräumte Kopf" Freie Reden und Gespräche von Arnfrid Astel* gesammelt. Dieser Titel umreißt so ziemlich genau das, was das Schreiben mit mir macht. Es schafft Ordnung und Klarheit im Kopf, während der Rest in ungeordneter Masse bleibt.

Jetzt, beim Schreiben kommt mir die Idee, dass das wieder an die Oberfläche, in Erinnerung gerufene Unbewusste, auch maßgeblich für die Art und Weise des Schreibens sein könnte. In einer fröhlichen Stimmung fällt es mir wahrscheinlich recht schwer, ein Buch über lauter traurige Ereignisse zu schreiben. Und wenn ich den November-Blues habe, gerät mein Frühlingshimmel mit den Frühlingsgefühlen der Protagonisten wohl ziemlich grau.

Schon seltsam, was mir klar wird, wenn ich mich frage, was das Schreiben mit mir macht. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass ich durch Schreiben so stark beeinflusst werden könnte. Auch die Vielschichtigkeit des Schreibens an und für sich ist für mich ein unbekannter Erdteil geworden, den ich erst noch entdecken muss. Bis jetzt war ich Konsument, als Autor muss ich mich erst noch entwickeln. Eine Figur glaubwürdig und überzeugend zu darzustellen ist Arbeit. Es bezieht sich aber nur auf eine Person in einem momentanen Umfeld, mit dem sie allein zurechtkommen muss. Beim Schreiben brauchen auch alle anderen, in die Handlung miteinbezogenen Personen ein Gesicht. Herrlich, eine Aufgabe, die reizt. Unter diesem Aspekt freue ich mich schon auf mein nächstes Projekt.

Eine ganze Menge ist mit mir passiert, seitdem ich mich mit dem Thema "Was empfinde ich beim Schreiben" beschäftige .Das Schreiben verändert mich. Meine Gedanken werden klarer, das ist schön. Das Leben und Denken wird gefährlicher, das ist reizvoll. Ich werde Entdecker und weiß vorher nicht, was ich finde, das ist sehr informativ.
Ich nehme es mit der Wahrheit nicht mehr so genau und nehme mir an Goethes "Dichtung und Wahrheit"** ein Beispiel, das ist löblich. Ich wollte nicht mehr dorthin zurück, wo ich herkomme und kann das mich selbst Präsentieren und Vorlesen schlecht vermeiden. Eine ganze Reihe von Emotionen werden also durch das Schreiben ausgelöst. Und ich habe den Verdacht, dass noch einige andere Gefühle, bei intensiverer Beschäftigung damit, dazu kommen. Und, weiß ich, ob das, was heute das Schreiben für mir bedeutet, das nächste Mal den selben Stellenwert haben wird? Wohl kaum.

© Inge Neumann-Noell, 2015

* "Im Chaos schwimmt der aufgeräumte Kopf" Freie Reden und Gespräche von Arnfrid Astel,PoCul Verlag für Politik und Cultur, November 2004, herausgegeben von Steffen Aug

** Johann Wolfgang Goethe (1749 - 1832) "Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit" (1811)